2020 - Bremen

Vorstellung der Referenten und Workshops

Martina Seuser

 
Gewaltprävention - Maßnahmen und deren Umsetzung in der Praxis
 
Wut, Ärger, Angst und Verzweiflung sind menschliche Gefühle und somit ein zeitweise natürlicher Zustand in unser aller Leben. So dürfen auch Menschen mit Behinderung wütend, ängstlich und verzweifelt sein!
Nur selten haben Menschen mit Behinderung gelernt, mit Gefühlen dieser Art umzugehen, Lösungsstrategien zu entwickeln oder sind in der Lage Auslöser zu erkennen und zu benennen. Nicht selten „poltert“ die Anspannung nach außen - manchmal plötzlich und unvorhersehbar.
Gerade in solchen Situationen kommen Mitarbeiter und Menschen mit Behinderung
an ihre Grenzen.
Jeder Mensch mit Behinderung hat das Recht, im Rahmen seiner Betreuungssituation, jederzeit und in jeder Situation durch einen geschulten Mitarbeiter professionell begleitet zu werden.
Gleichzeitig hat der Mitarbeiter das Recht auf einen sicheren Arbeitsplatz und ausreichend Schutz vor körperlichen Übergriffen.
Was also tun wenn…
… mir Stühle im Esszimmer entgegen geworfen werden?
… ich körperlich angegriffen werde?
… das Geschrei alle wahnsinnig macht?
… der Kopf massiv gegen Wände geschlagen wird?
Innere Notzustände werden durch ein beachtliches Repertoire an herausfordernden Verhaltensweisen deutlich dargestellt, aber nicht immer als solche erkannt.
Unterschiedliche Maßnahmen der Deeskalation und der Gewaltprävention bieten einen gut gefüllten Werkzeugkoffer für jeden Mitarbeiter.
 
Informationen zur Referentin Martina Seuser:
1995 - 1998 Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin, Mitarbeiterin im Wohnhaus
2001 - 2007 HEP in forensischer Psychiatrie im Stationsdienst
2007 - 2020 Wohnhausleiterin in der Einrichtung Hohenhonnef GmbH in Bad Honnef
Seit 2020 Koordinatorin der Sozialen Teilhabe in der Hohenhonnef GmbH
Seit 2010 Weiterbildung zur professionellen Deeskalationstrainerin Implementierung Deeskalationsmanagement in der Einrichtung Hohenhonnef GmbH (nach ProDeMa®)
Seit 2011 Vorträge zur Vermeidung freiheitseinschränkender Maßnahmen im Rahmen des Werdenfelser Weges
 

Katja Bedra

 
Gemeinsam ganz normal! - Intensivpädagogik in der Praxis
 
Im Verbund heilpädagogischer Hilfen des Landschaftsverbandes Rheinland bieten wir Menschen mit geistiger Behinderung möglichst maßgeschneiderte Leistungen für die individuellen Entwicklungsphasen zur Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Viele unserer Kundinnen und Kunden zeigen sogenanntes „sozial herausforderndes Verhalten“ und wohnen trotzdem „mittendrin“ in den unterschiedlichen Gemeinden.
Im Workshop stellen wir uns folgende Fragen:
* Wie gehen wir mit dem „inklusionsverhindernden“ Verhalten um?
* Ist das „mittendrin-wohnen“ wirklich so sinnvoll, oder gäbe es hier Alternativen?
* Was kann jeder von uns dafür tun, dass dies möglichst gut gelingen kann?
 
Informationen zur Referentin Katja Bedra
Diplompädagogin, Systemische Beraterin, NLP-Ausbildung, Regionalleitung im LVR-Verbund Heilpädagogischer Hilfen im Rheinland
Im Rahmen des Studiums in Marburg und Köln eher zufällig mit dem Thema ASS (Autismus-Spektrum-Störungen) in Kontakt gekommen. Die nächsten 15 Jahre waren davon bestimmt, bis hin zum Aufbau und der stellv. Leitung eines Wohnhauses für autistisch behinderte Erwachsene. 2004 dann der Wechsel zu den Heilpädagogischen Hilfen des Landschaftsverbands Rheinland, dort als Regionalleitung verantwortlich für mehrere Wohnhäuser, Heilpädagogische Zentren und einen regionalen Bereich „Betreutes Wohnen“. Schwerpunkt ist hier die Unterstützung vom Menschen mit geistiger Behinderung und psychischen Beeinträchtigungen und (uns) sozial herausfordernden Verhaltensweisen.
 

Udo Sierck

 
Hilfe, die Helfer kommen! - Reflexionen zum selbstbestimmten Leben
 
Früher oder später, mehr oder weniger sind behinderte Personen von Unterstützung abhängig. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage durch die Aktivitäten der emanzipatorischen Behinderteninitiativen, wie sich dieses prekäre Abhängigkeitsverhältnis – das in Gewaltphänomene umschlagen kann –  mit dem Ziel des selbstbestimmten Lebens vereinbaren lässt. Im Workshop werden Probleme, Ideen und Konzepte vorgestellt, die für alle behinderten Menschen von Bedeutung sein sollten.
 
Informationen zum Referenten Udo Sierck
Dipl. Bibliothekar Udo Sierck, Autor und Dozent, gilt als einer der Initiatoren der politischen Behindertenbewegung, zahlreiche Publikationen, lebt in Schleswig-Holstein
 

Anne Rinklin

 
Wenn's doch mal aus dem Ruder gelaufen ist - Bewältigungsstrategien für eskalierte Situationen
 
Trotz aller Achtsamkeit, vorausschauendem Verhalten und trainierter
Deeskalationsstrategien erleben wir Heilerziehungspfleger*innen, dass Klient*innen uns oder anderen gegenüber aggressiv, übergriffig und/oder gewalttätig sind. Die Klient*innen haben ihre Gründe und mit diesen beschäftigen wir uns intensiv und professionell auf verschiedenen Ebenen.
Im Workshop richten wir den Fokus auf die "Helfer*innen", also uns HEPs, die bei einem Übergriff durch eine/n Klient*in selbst zu Schaden kommen können, sei es durch Anschreien, Anspucken, Tritte oder einen gebrochenen Finger, oder die eingreifen, wenn anderen Schaden zugefügt wird. Wenn die eskalierte Situation beendet ist, der/die Klient*in und/oder der/die Kolleg*in (ärztlich) versorgt sind, alles dokumentiert, alle informiert und Dienstschluss ist, bleibt der/die Kolleg*in jedoch u. U. mit der eigenen psychischen und/oder körperlichen Verletzung alleine. Wie bei Unfällen oder Überfällen können im Nachgang zu solchen Situationen Unbehagen, Ohnmachtsgefühle, Selbstvorwürfe und Ängste auftreten oder es entstehen Zweifel an der eigenen Kompetenz und dem Selbstwert. Auch kann es zu einer Traumatisierung kommen. Im Unterschied zu anderen "Opfern" konfrontieren sich die "Helfer*innen" aber in der Regel beim nächsten Dienstantritt wieder mit dem/der "Täter*in", weil es eben zu ihrem Job dazu gehört.
Aus dem Gefühl der Ohnmacht können sich unbewusst Aggressionen und Machtimpulse entwickeln, die eine Gewaltspirale in Gang setzen können, und durch die Selbstzweifel steigt das Burnout-Risiko. Daher ist es wichtig, Strategien zu haben, die bei einem erhöhten Risiko von Gewalt durch Klient*innen dabei helfen, eskalierte Situationen selbständig und zeitnah besser verarbeiten zu können.
Gleichzeitig will der Workshop auch aufzeigen, wie wir durch herausfordernde Situationen eine Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung bekommen - ein Geschenk der Klient*innen an uns.
 
Folgende Strategien werden im Workshop vorgestellt:
• Bearbeitung des Stressbilds (nach tiefenpsychologischem NLP)
• Imagination des sicheren Ortes (nach PITT von L. Reddemann)
• Arbeit mit den inneren Anteilen (nach Ego-State-Therapie)
• Reframing und Stuhlarbeit (aus der systemischen Therapie)
• Akut-Interventionen (aus der Notfallpsychologie)
 
Informationen zur Referentin Anne Rinklin:
Anne Rinklin, Jahrgang 1975, ist Dipl. Pädagogin und Heilerziehungspflegerin. Sie arbeitete in einer Wohngemeinschaft für Erwachsene mit SchwerstMehrfachbehinderung in Wien und im Lebensbereich einer sozialtherapeutischen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in Baden-Württemberg. Dort war sie unter anderem
für Erwachsene mit einer sogenannten Doppeldiagnose zuständig. Aktuell ist sie im Bereich der Schulbegleitung und Erziehungsbeistandschaft tätig.
Nach einer Ausbildung in Integrierter Lösungsorientierter Psychologie, einem Kompaktstudium in Integrativer Psychotherapie und einer Weiterbildung zur systemischen Therapeutin bietet Anne Rinklin seit 2017 in eigener Praxis systemische Beratung und Therapie an und begleitet Kolleg*innen aus dem sozialen Arbeitsfeld durch Supervision und Team-Entwicklung.
 
Jan Steffens
 
Aggressionen, selbstverletzendes Verhalten und strukturelle Gewalt - Behindernde Lebenssituationen in ihrem Einfluss auf die menschliche Entwicklung
 
Menschliche Entwicklung verläuft innerhalb von Wechselwirkungen zwischen biologischen Faktoren, wie Genetik und organischen Beeinträchtigungen sowie sozialen Faktoren, wie Erfahrungen, Umfeld und Gesellschaft. Das menschliche Gehirn als biosoziales Organ strukturiert sich entsprechend der sozialen Erfahrungen eines Menschen, die auf seine biologische Entwicklung wirken. Oder mit anderen Worten: Wir werden zu dem, was wir erleben.
Vor diesem Hintergrund soll im Workshop eine andere Perspektive auf aggressives oder selbstverletzendes Verhalten entwickelt werden, die den Ursprung des Verhaltens nicht auf geistige Behinderung oder psychische Krankheit bezieht und damit die Person als „Ur-Sache“ ihres Verhaltens verdinglicht, sondern grundsätzlich Menschen als Teil einer Umwelt, eines Systems von sozialen Beziehungen und als Person mit einer Geschichte wahrnimmt. Lebensgeschichten, die geprägt sind durch Isolation, Stigmatisierung und strukturelle Gewalt haben immer eine Wirkung auf die menschliche Entwicklung. So ist ohne stabile Bindungs- und Resonanzbeziehungen der Aufbau von Fähigkeiten wie Emotionsregulation oder Impulskontrolle erheblich erschwert. Aggressionen und Autoaggressionen sind Kompensationsmuster, die von außen betrachtet oftmals als ‚verrückt‘, ‚behindert‘ oder ‚krank‘ bewertet werden, aus der Perspektive des Subjekts und im Kontext der jeweiligen Geschichte jedoch immer Sinn ergeben.
Schlüssel zu jeglicher Veränderung wäre aus pädagogischer Sicht also ein verstehender Zugang zur jeweiligen (Entwicklungs-) Geschichte eines Menschen, die diesen nicht als Objekt der Behandlung erscheinen lässt, sondern als Subjekt der Anerkennung. Lässt sich die Lebensgeschichte so entschlüsseln, dass scheinbar unverständliches Verhalten als sinn- und systemhaft erkannt wird, ist der Weg zu einer gemeinsamen Transformation der Situation offen.
Informationen zum Referenten Jan Steffens:
 
Informationen zum Referenten Jan Steffens
Dr. Jan Steffens ist Diplom-Behindertenpädagoge und arbeitet als akademischer Rat an der Leibniz Universität in Hannover. In seiner Forschung befasst er sich mit zwischenmenschlicher Begegnung im Kontext von Inklusion und Exklusion, sowie der Bedeutung von Emotionen, Bindung und Anerkennung für soziale Sinnbildung. Außerdem ist er Co-Leiter des REHIS (Institut für Rehistorisierung und Entwicklung) und als Referent für eine Vielzahl pädagogischer Themen in der Praxis tätig.
 

Stefan Schuster

 
Franco Basaglia - oder der Widerstand gegen institutionelle Gewalt
 
Der 40. Todestag des italienischen Psychiaters Franco Basaglia, der in puncto „Inklusion“ seiner und auch unserer Zeit weit voraus war, gibt Anlass, einen Blick zurück nach vorn zu wagen. Konfrontiert mit den katastrophalen und menschenunwürdigen Zuständen in den „Irrenanstalten“, die er als ›Gulags des Westens‹ bezeichnete, wurde Franco Basaglia vor die wegweisende Wahl gestellt, sich entweder schuldig zu machen oder Widerstand zu leisten. Er entschloss sich für letzteres und begann seinen ›medizinischen Feldzug‹ gegen das psychiatrische Establishment. Der Maxime ›Freiheit heilt‹ folgend gelang es ihm als Direktor, die Anstalt in Görz (Gorizia) zu demokratisieren und die Anstalt in Triest aufzulösen. Darüber hinaus leistete er einen wichtigen Beitrag zur Verabschiedung des „Gesetzes Nr. 180“, das die Schließung psychiatrischer Großeinrichtungen landesweit einleitete. Der Vortrag zeichnet Basaglias Widerstand gegen ›institutionelle Gewalt‹ anhand seiner Biografie konkret-historisch nach und stellt Bezüge sowohl zur psychiatrischen als auch zur heil- und sonderpädagogischen Praxis im Hier und Heute her.
 
Informationen zum Referenten Stefan Schuster:
Promoviert zurzeit an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen.
01.10.2014 - 30.09.2015 Master Studium: Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education im Fachbereich Sozialarbeit / Sozialpädagogik  der Evangelischen Hochschule Darmstadt
01.10.2010 - 30.09.2014 Bachelor Studium: Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education im Fachbereich Sozialarbeit / Sozialpädagogik  der Evangelischen Hochschule Darmstadt
Berufserfahrung
01.10.2019 - Lehrtätigkeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt im Studiengang Integrative Heilpädagogik / Inclusive Education
01.04.2018 - Lehrtätigkeit an der Universität Koblenz-Landau im weiterbildenden Fernstudiengang „Inklusion und Schule“  
01.05.2017 - Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der gemeinnützigen BUXUS STIFTUNG gGmbH
01.04.2016 - 31.10.2017 Heilpädagoge in der AWO Jugendwohnung Langenhorn für unbegleitete minderjährige Geflüchtete
01.09.2009 - 31.08.2010 Heilerziehungspfleger im Internatsbereich der Berufs-bildungsstätte Himmelthal gGmbH

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